Zweimal im Jahr erleuchtet die Sonne exakt die Götterstatuen im Inneren des Tempels von Abu Simbel, ein Phänomen, das schon vor Jahrtausenden akribisch geplant wurde. Wir erklären das Sonnenwunder und wie ihr es selbst erleben könnt.
Es gibt Momente, in denen wird einem schlagartig klar, wie viel astronomisches Wissen bereits vor Jahrtausenden vorhanden war. Zweimal im Jahr, am 22. Februar und am 22. Oktober, geschieht tief im Inneren des Felsentempels von Abu Simbel etwas, das Besucher aus aller Welt anzieht: Für wenige Minuten durchdringt das Licht der aufgehenden Sonne den gesamten, rund 60 Meter langen Tempel und erleuchtet die Statuen im Allerheiligsten, ein Schauspiel, das so exakt geplant war, dass es bis heute Bewunderung auslöst.
Ein Tempel, gebaut nach dem Stand der Sonne
Errichtet wurde der große Tempel von Abu Simbel unter Pharao Ramses II., der von 1279 bis 1213 v. Chr. regierte und zu den mächtigsten und bautätigsten Herrschern des alten Ägypten zählte. Der gesamte Tempel wurde direkt in den Fels gehauen und ist streng axial angelegt, vom Eingangsportal führt ein gerader Gang bis tief ins Innere zum Sanktuar, ohne jede Ablenkung oder Biegung. Genau diese Geradlinigkeit war kein Zufall, sondern die Grundlage für das, was den Tempel bis heute so besonders macht.
Im Allerheiligsten, dem hintersten Raum der gesamten Anlage, sitzen vier Statuen nebeneinander auf einer Thronbank: Ptah von Memphis, Amun-Re von Theben, der zum Gott erhobene Ramses selbst sowie Re-Harachte von Heliopolis. Die Baumeister berechneten die Ausrichtung des gesamten Tempels so präzise, dass die aufgehende Sonne an nur zwei Tagen im Jahr exakt durch den Eingang und den gesamten Innenraum hindurch bis zu dieser Statuengruppe vordringt.
Wenn drei Götter ins Licht treten und einer im Dunkeln bleibt
Das eigentliche Sonnenwunder dauert nur etwa 20 Minuten. In dieser kurzen Zeitspanne wandert das Licht der Morgensonne durch den gesamten Tempel und erleuchtet nacheinander die Statuen von Ramses II., Amun-Re und Re-Harachte, während die vierte Figur, Ptah, der Gott der Unterwelt und der Dunkelheit, bewusst im Schatten verbleibt. Diese Inszenierung war durchaus beabsichtigt, Ptah wurde traditionell mit der Finsternis assoziiert, weshalb es als folgerichtig galt, dass ausgerechnet er von der Sonne verschont blieb.
Bemerkenswert ist zudem die symbolische Botschaft dahinter: Indem sich Ramses II. selbst unter die Götter Amun-Re und Re-Harachte setzen und gemeinsam mit ihnen vom Sonnenlicht erleuchten ließ, stellte er sich bildlich auf eine Stufe mit den höchsten Gottheiten Ägyptens, eine der deutlichsten und zugleich elegantesten Formen pharaonischer Selbstinszenierung, die uns aus dem alten Ägypten überliefert ist.
Warum ausgerechnet diese beiden Tage
Über die genaue Bedeutung der beiden Termine gibt es unterschiedliche Theorien, häufig werden sie mit wichtigen Daten aus Ramses' Leben in Verbindung gebracht, etwa seinem Krönungstag oder seinem Geburtstag, vollständig gesichert ist das allerdings nicht. Sicher ist hingegen, dass die ursprüngliche Ausrichtung des Tempels so berechnet war, dass das Sonnenlicht zu Lebzeiten von Ramses II. am 21. Februar und 21. Oktober ins Innerste vordrang, um jeweils einen Tag verschoben gegenüber den heutigen Terminen.
Eine Rettungsaktion, die das Wunder fast gekostet hätte
Was viele Besucher nicht wissen: Der heutige Standort des Tempels ist nicht der ursprüngliche. Beim Bau des Assuan Hochdamms in den 1960er Jahren drohte der gesamte Tempelkomplex im entstehenden Nassersee zu versinken. Zwischen 1964 und 1968 organisierte die UNESCO eine internationale Rettungsaktion, bei der die gesamte Anlage in einzelne Blöcke zerlegt und rund 65 Meter höher originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Bei diesem gewaltigen technischen Kraftakt wurde die ursprüngliche Ausrichtung exakt rekonstruiert, weshalb sich das Sonnenwunder bis heute zuverlässig wiederholt, wenn auch, wie erwähnt, seither jeweils einen Tag später als ursprünglich vorgesehen.
Was einen Besuch an diesen Tagen erwartet
Wer das Sonnenwunder selbst miterleben möchte, sollte früh aufstehen, das Ereignis findet direkt bei Sonnenaufgang statt, entsprechend versammeln sich schon in den frühen Morgenstunden zahlreiche Besucher vor und im Tempel. Da die beiden Termine im Februar und Oktober regelmäßig deutlich mehr Besucher anziehen als ein gewöhnlicher Tag, lohnt sich eine frühzeitige Planung der Reise, insbesondere da Abu Simbel selbst, rund 280 Kilometer südlich von Assuan gelegen, ohnehin meist als früher Tagesausflug per Bus oder Kurzflug organisiert wird.
Neben dem großen Tempel lohnt bei dieser Gelegenheit auch ein Blick auf den benachbarten, kleineren Tempel, der der Göttin Hathor und Ramses' Gemahlin Nefertari gewidmet ist. Ungewöhnlich für die damalige Zeit ist Nefertari dort in nahezu gleicher Größe wie der Pharao selbst dargestellt, eine Ehre, die nur wenigen Königinnen des alten Ägypten zuteilwurde.
Ein Naturschauspiel mit Ansage
Was das Sonnenwunder von Abu Simbel letztlich so besonders macht, ist die Gewissheit, mit der es sich Jahr für Jahr wiederholt, ein Naturphänomen, das eigentlich gar keines ist, sondern das Ergebnis akribischer Planung durch Menschen vor über 3000 Jahren. Wer an einem dieser beiden Tage selbst im Tempel steht und beobachtet, wie das Licht langsam durch den Fels bis zu den Götterstatuen vordringt, bekommt einen unmittelbaren Eindruck davon, wie viel astronomisches und architektonisches Wissen im alten Ägypten bereits vorhanden war.
Ihr wollt das Sonnenwunder von Abu Simbel selbst live miterleben? Sprecht uns gerne an, wir stimmen eure Reise gezielt auf den 22. Februar oder den 22. Oktober ab.
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