GESCHICHTE

Sechzehn Stufen zu einem der größten Funde der Geschichte

17. September 2025 · NT World Travel Redaktion

Sechzehn Stufen zu einem der größten Funde der Geschichte

Ohne akademische Ausbildung, aber mit unglaublicher Sturheit fand Howard Carter 1922 das Grab Tutanchamuns. Die Geschichte einer Entdeckung, die die Ägyptologie für immer veränderte.

Manche Geschichten klingen zu gut, um wahr zu sein, und sind es trotzdem. Die Geschichte von Howard Carter gehört dazu. Ein britischer Junge ohne formale Ausbildung, der es allein durch Zeichentalent und Sturheit bis zur wohl bedeutendsten archäologischen Entdeckung des 20. Jahrhunderts schaffte. Am 4. November 1922 fand er in einem Tal, das Fachleute für längst ausgeschöpft hielten, eine Treppe im Sand, die zu einem der größten Funde der Ägyptologie führen sollte.

Vom Zeichner zum Ausgräber
Howard Carter wurde 1874 in London geboren, als Sohn eines Tiermalers, von dem er das Zeichnen lernte, eine Fähigkeit, die sein gesamtes weiteres Leben prägen sollte. Mit gerade einmal siebzehn Jahren reiste er erstmals nach Ägypten, zunächst nicht als Ausgräber, sondern als Zeichner für archäologische Expeditionen, die damals dringend Menschen brauchten, die Wandmalereien und Hieroglyphen exakt festhalten konnten, lange bevor die Fotografie diese Aufgabe übernahm. Carter besaß offenbar ein außergewöhnliches Auge für Details, und genau diese Genauigkeit machte ihn schnell unentbehrlich für die britischen und amerikanischen Grabungsteams, die zu dieser Zeit in Ägypten aktiv waren.

Über die folgenden Jahre arbeitete er sich langsam hoch, von einfachen Zeichenaufgaben zur Leitung eigener Grabungen, unter anderem im Tal der Könige, jener Nekropole gegenüber von Luxor, in der über Jahrhunderte hinweg Pharaonen des Neuen Reichs bestattet wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt das Tal bei vielen Experten bereits als vollständig erforscht, kaum jemand rechnete noch mit größeren Entdeckungen. Carter war anderer Meinung, und diese Überzeugung sollte sich als goldrichtig erweisen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Lord Carnarvon und eine Wette gegen die Zeit

Ohne einen wohlhabenden Förderer wäre Carters Vision vermutlich nie Realität geworden. Der britische Adlige George Herbert, fünfter Earl of Carnarvon, finanzierte ab 1907 Carters Grabungen, zunächst mit mäßigem Erfolg. Jahr um Jahr verging, Saison um Saison wurde gegraben, ohne den erhofften großen Fund. Carter war überzeugt, dass irgendwo im Tal noch das unentdeckte Grab des jungen Pharaos Tutanchamun liegen musste, eines Herrschers, von dem man zu dieser Zeit kaum mehr wusste als seinen Namen und dass er jung gestorben war.

Nach Jahren erfolgloser Suche und angesichts der immer weiter steigenden Kosten wollte Lord Carnarvon die Finanzierung schließlich einstellen. Carter überzeugte ihn, ihm eine letzte Grabungssaison zu gewähren, ein Wagnis, das sich als eine der besten Entscheidungen der Ägyptologiegeschichte herausstellen sollte.

Die Treppe im Sand

Am 4. November 1922 stießen Carters Arbeiter auf eine in den Fels gehauene Stufe, kurz darauf folgten weitere, insgesamt sechzehn Stufen, die zu einer versiegelten Tür führten. Carter ließ sofort ein Telegramm an Lord Carnarvon senden, der daraufhin von England nach Ägypten reiste. Erst am 26. November 1922, gemeinsam mit Carnarvon und dessen Tochter Lady Evelyn Herbert, öffnete Carter schließlich eine zweite Tür und blickte mit einer Kerze in der Hand zum ersten Mal in die Vorkammer des Grabes.

Als Carnarvon ungeduldig fragte, ob er etwas sehen könne, soll Carter geantwortet haben, er sähe wunderbare Dinge. Ein Satz, der bis heute zu den berühmtesten Zitaten der Archäologie zählt. Was sich vor ihnen auftat, übertraf tatsächlich alle Erwartungen: Das Grab war nahezu vollständig unberührt, gefüllt mit tausenden Objekten, vergoldeten Schreinen, Statuen, Streitwagen, Schmuck und schließlich, in der innersten Kammer, dem berühmten goldenen Sarkophag mit der Totenmaske Tutanchamuns, die heute zu den bekanntesten Kunstwerken der Welt zählt.

Zehn Jahre für ein einziges Grab

Was viele nicht wissen, die eigentliche Dokumentation und Bergung des Grabes dauerte fast ein ganzes Jahrzehnt. Über 5000 Objekte mussten katalogisiert, gezeichnet, fotografiert und behutsam entfernt werden, eine Aufgabe, die Carters gesamte Erfahrung als Zeichner und seine akribische Arbeitsweise erforderte. Diese Sorgfalt unterschied sich deutlich von manch früherer Grabung, bei denen Fundstücke oft hastig und unsystematisch geborgen wurden. Carters Methodik gilt bis heute als wegweisend für die moderne Archäologie.

Überschattet wurde der Erfolg allerdings von einem Rückschlag: Lord Carnarvon starb bereits im April 1923, nur wenige Monate nach der Graböffnung, an einer Blutvergiftung nach einem Insektenstich. Sein Tod befeuerte in der Presse rasch Geschichten über einen angeblichen Fluch des Pharaos, Spekulationen, die bis heute in Filmen und Büchern immer wieder aufgegriffen werden, wissenschaftlich jedoch nie belegt werden konnten.

Ein Vermächtnis, das bis heute wirkt

Howard Carter selbst blieb bis zu seinem Tod 1939 vergleichsweise zurückhaltend, trotz seines Weltruhms erhielt er nie die akademischen Ehrungen, die viele für angemessen hielten, möglicherweise auch, weil er zeitlebens ein Autodidakt ohne formale Ausbildung blieb. Sein Fund veränderte dennoch das öffentliche Bild des alten Ägyptens für immer. Die goldenen Schätze aus Tutanchamuns Grab lösten weltweit eine regelrechte Ägyptomanie aus, Mode, Architektur und Design der 1920er Jahre griffen ägyptische Motive auf, ein Echo, das bis heute nachwirkt.

Wer heute das Grand Egyptian Museum bei Gizeh besucht, steht vor genau jenen Objekten, die Carter vor über hundert Jahren aus dem Sand des Tals der Könige barg, nach Jahrzehnten in kleineren Ausstellungsräumen endlich in einem Rahmen präsentiert, der ihrer Bedeutung gerecht wird. Und wer selbst durch das Tal der Könige spaziert, steht buchstäblich an dem Ort, an dem ein hartnäckiger britischer Zeichner bewies, dass manchmal genau dort die größten Geheimnisse liegen, wo alle anderen längst aufgegeben hatten.

Ihr wollt selbst durch das Tal der Könige gehen und an der Stelle stehen, an der Carter seine berühmte Treppe fand? Wir machen es gerne möglich für Sie.

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