
Es gibt Länder, da trinkt man Tee oder Kaffee nebenbei. In Ägypten ist es fast umgekehrt: Das Getränk kommt zuerst, das eigentliche Gespräch, Geschäft oder Wiedersehen entfaltet sich erst danach. Zeit, sich anzuschauen, was genau in diesen Gläsern und Tassen landet und warum es für Ägypter so viel mehr ist als nur ein Getränk.
Shai, der schwarze Tee, der niemals ausgeht
Fragt man in Ägypten nach Tee, meint man in den allermeisten Fällen Shai, kräftigen schwarzen Tee, der lange gezogen wird, bis er fast bitter schmeckt, und dann großzügig mit Zucker gesüßt wird. Wer zum ersten Mal einen ägyptischen Tee bestellt und dabei "wenig süß" sagt, wird trotzdem oft überrascht, wie viel Zucker tatsächlich im Glas landet, Süße gehört hier einfach dazu.
Serviert wird Shai in kleinen Gläsern, nicht in Tassen, oft direkt vom Verkäufer an der Straßenecke, der literweise Tee in großen Kannen bereithält und den ganzen Tag über nachschenkt. Besonders beliebt ist die Variante mit frischer Minze, Shai bi Na'na, die vor allem im Sommer für Erfrischung sorgt. In vielen Haushalten läuft ohnehin permanent eine Teekanne auf kleiner Flamme, sodass jederzeit, wenn Besuch kommt, sofort ein Glas bereitsteht. Tee ablehnen gilt fast als unhöflich, wer zu Besuch ist, trinkt mit, selbst wenn es nur ein kleiner Schluck ist.
Karkade, das rote Getränk mit der langen Geschichte
Neben dem klassischen schwarzen Tee hat Ägypten noch ein zweites Nationalgetränk zu bieten, das optisch kaum unterschiedlicher sein könnte: Karkade, ein tiefroter Aufguss aus getrockneten Hibiskusblüten. Kalt serviert schmeckt er erfrischend säuerlich und wird gerne mit Zucker abgemildert, warm getrunken entfaltet er dagegen eine fast weinartige Tiefe.
Karkade hat in Ägypten eine lange Tradition, die Region um Assuan gilt bis heute als eines der wichtigsten Anbaugebiete für Hibiskus im Land. Besonders zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten wird Karkade traditionell zum Toast gereicht, quasi das ägyptische Pendant zum Sektglas. Wer eine Nilkreuzfahrt macht und in Assuan an Land geht, hat gute Chancen, frisch gepressten Karkade direkt von den Ständen entlang der Corniche zu bekommen, deutlich intensiver im Geschmack als das, was man später vielleicht als Teebeutel mit nach Hause nimmt.
Kaffee, klein, stark und mit Bedacht getrunken
Während Tee den ganzen Tag über in Strömen fließt, hat Kaffee in Ägypten einen etwas anderen Status. Ahwa, wie Kaffee hier genannt wird, meint meist eine kleine, sehr starke Tasse, ähnlich der türkischen Zubereitung, fein gemahlener Kaffee wird direkt mit Wasser und oft schon mit Zucker in einem kleinen Kupferkännchen aufgekocht. Serviert wird er ungefiltert, sodass sich der Satz am Tassenboden absetzt, getrunken wird entsprechend in kleinen, bedächtigen Schlucken.
Wer nach dem Kaffeegrad fragt, bekommt in Ägypten meist eine von drei Antworten zur Auswahl: Sada für ungesüßt, Ariha für leicht gesüßt oder Sokkar Ziyada für ordentlich süß. Der Name Ahwa steht in Kairo übrigens nicht nur für das Getränk selbst, sondern gleich für ganze Institutionen, die traditionellen Kaffeehäuser, in denen Männer bei einer Tasse Kaffee und einer Runde Backgammon oder Domino ganze Nachmittage verbringen.
Die Shisha Cafés, wo Zeit eine andere Bedeutung bekommt
Kaum ein Gespräch über ägyptische Trinkkultur kommt ohne die berühmten Ahwas aus, jene Kaffeehäuser, in denen sich Tee, Kaffee und die Wasserpfeife, Shisha genannt, zu einem festen Ritual verbinden. Auf niedrigen Hockern sitzend, bei Kartenspielen oder einfach nur beim Zuschauen, was auf der Straße passiert, wird hier oft stundenlang verweilt. Diese Cafés sind selten auf Eile ausgelegt, im Gegenteil, wer schnell trinken und wieder gehen will, ist hier fast fehl am Platz.
Besonders in Kairo, etwa rund um den Khan el Khalili Basar, haben einige dieser Kaffeehäuser eine jahrhundertealte Geschichte und waren früher Treffpunkte für Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle. Wer heute dort einkehrt, spürt oft noch etwas von dieser Atmosphäre, auch wenn längst Touristen neben Stammgästen sitzen.
Mehr als nur ein Getränk
Was Tee und Kaffee in Ägypten wirklich ausmacht, ist selten das Getränk allein, sondern das, was drumherum passiert. Ein Glas Shai wird zum Vorwand für ein Gespräch, eine Tasse Ahwa zum Anlass, sich Zeit zu nehmen. Wer auf einer Reise durch Ägypten wirklich in Kontakt mit den Menschen vor Ort kommen möchte, findet selten einen besseren Einstieg als eine gemeinsame Tasse Tee oder Kaffee, meist reicht schon die Bereitschaft, sich für einen Moment hinzusetzen und mitzutrinken.
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