ESSEN & KULINARIK

Wenn die Sonne untergeht – Ramadan in Ägypten

04. Mai 2026 · NT World Travel Redaktion

Wenn die Sonne untergeht – Ramadan in Ägypten

Datteln, Fatta und lange Tafeln mitten auf der Straße: Der Ramadan bringt in Ägypten eine ganz eigene Küche und Esskultur hervor. Wir zeigen, was auf den Tisch kommt und warum das gemeinsame Essen im Mittelpunkt steht.

Es gibt einen Moment im ägyptischen Ramadan, den man nur schwer beschreiben kann, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat. Kurz vor Sonnenuntergang wird es plötzlich still auf den Straßen von Kairo, sonst nie um diese Zeit still. Die Menschen sitzen bereits am Tisch, die Teller sind gefüllt, alle warten auf denselben Moment: den Ruf des Muezzins, der das Fastenbrechen einläutet. Dann, fast wie auf Knopfdruck, kehrt Leben in die Stadt zurück, und mit ihm eine der reichhaltigsten kulinarischen Traditionen, die Ägypten zu bieten hat.

Ein Monat, der anders isst als jeder andere

Während des Ramadan verzichten praktisch gläubige Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Was viele überrascht, ist, dass gerade dieser Monat des Verzichts in Ägypten zu einer der kulinarisch aufwendigsten Zeiten des Jahres wird. Sobald die Sonne untergeht, verwandelt sich der Verzicht in ein regelrechtes Fest, mit Gerichten, die man den Rest des Jahres in dieser Fülle selten auf den Tisch bringt.

Der Grund dafür liegt auch in der Struktur des Tages selbst. Zwei Mahlzeiten prägen den Ramadan, das Iftar, das Fastenbrechen bei Sonnenuntergang, und das Suhoor, eine letzte Mahlzeit kurz vor der Morgendämmerung, die für die Kräfte des kommenden Fastentages sorgen soll. Um beide Termine herum entwickelte sich über Jahrhunderte eine eigene, sehr spezifische Küche.

Iftar, der Moment, auf den alle warten

Traditionell beginnt das Fastenbrechen in Ägypten mit etwas denkbar Einfachem: ein paar Datteln und ein Glas Wasser oder Karkade, der tiefrote Hibiskustee. Diese Geste geht auf eine alte religiöse Tradition zurück und dient gleichzeitig einem praktischen Zweck, nach vielen Stunden ohne Nahrung bereitet der Körper sich so sanft auf die folgende Mahlzeit vor. Direkt danach folgt häufig eine wärmende Suppe, meist Linsensuppe, die in vielen Haushalten während des gesamten Ramadan kaum vom Speiseplan verschwindet.

Danach wird es üppig. Auf der ägyptischen Iftar Tafel finden sich oft mehrere Gänge gleichzeitig, gefüllte Weinblätter, Fatta, ein deftiges Gericht aus Reis, geröstetem Brot, Fleisch und Knoblauchessig, das besonders während des Ramadan traditionell serviert wird, dazu häufig gegrilltes oder geschmortes Fleisch, Reisgerichte und natürlich der schon aus dem Alltag bekannte Koshary, der auch während des Fastenmonats nicht fehlen darf. Was sich verändert, ist vor allem die Menge und die Sorgfalt, mit der gekocht wird, viele Familien bereiten während des Ramadan aufwendigere Gerichte zu als sonst im Jahr, oft mit mehreren Generationen gemeinsam in der Küche.

Ein Fest, das man teilt

Was den Ramadan in Ägypten kulinarisch besonders macht, ist weniger das einzelne Gericht als die Art, wie gegessen wird. Iftar ist selten eine private Angelegenheit im kleinen Kreis, häufig sitzen Großfamilien, Nachbarn und Freunde gemeinsam am Tisch. In vielen Straßen Kairos und anderer Städte werden zusätzlich sogenannte Maidat Rahman aufgestellt, lange Tische mitten auf der Straße, an denen jeder, unabhängig von Herkunft oder finanziellen Möglichkeiten, kostenlos am Fastenbrechen teilnehmen kann. Diese Tradition der Gastfreundschaft reicht Jahrhunderte zurück und gilt bis heute als eines der schönsten sozialen Elemente des ägyptischen Ramadan.

Süßes zum Abschluss

Kein Iftar endet ohne einen süßen Abschluss, und der Ramadan bringt in Ägypten gleich mehrere Spezialitäten hervor, die man den Rest des Jahres seltener findet. Kunafa, feine Teigfäden gefüllt mit Käse oder Sahne und getränkt in süßem Zuckersirup, gehört zu den beliebtesten Nachspeisen der Saison. Ebenso verbreitet ist Qatayef, kleine gefüllte Pfannkuchen, meist mit Nüssen oder süßem Käse gefüllt, anschließend frittiert oder gebacken und in Sirup getaucht, ein Gebäck, das eigens für den Ramadan hergestellt wird und außerhalb dieser Zeit kaum zu finden ist.

Dazu wird gerne Qamar al Din getrunken, ein dickflüssiges, süßes Getränk aus getrockneten Aprikosen, das während des Ramadan in vielen Haushalten und an Straßenständen zubereitet wird, ebenso wie Sobia, ein cremiges Kokosgetränk, und natürlich der schon bekannte Karkade, der während des Fastenmonats eine noch größere Rolle spielt als sonst im Jahr.

Suhoor, die stille letzte Mahlzeit

Während das Iftar von Geselligkeit und Fülle geprägt ist, verläuft das Suhoor deutlich ruhiger. Kurz vor Sonnenaufgang, oft mitten in der Nacht, wird noch einmal gegessen, meist etwas leichter und praktischer als am Abend, häufig Joghurt, Käse, Datteln, Fladenbrot oder auch Reste vom Iftar. In manchen Vierteln ziehen bis heute sogenannte Mesaharati durch die Straßen, traditionelle Trommler, die die Menschen rechtzeitig für das Suhoor wecken, eine Tradition, die trotz Wecker und Smartphone in einigen Gegenden noch lebendig ist.

Warum sich ein Besuch während des Ramadan lohnt

Wer Ägypten während des Ramadan besucht, erlebt das Land von einer ganz eigenen Seite. Tagsüber wirkt vieles ruhiger, Restaurants und Geschäfte richten sich nach dem Fasten, doch sobald die Sonne untergeht, verwandeln sich Städte wie Kairo in ein Lichtermeer aus Laternen, Straßenständen und improvisierten Tafeln. Wer sich zu dieser Zeit an einen der langen Tische setzt oder einfach nur durch die Gassen schlendert, während überall der Duft von Fatta, Kunafa und frisch gebrühtem Karkade in der Luft liegt, bekommt einen Eindruck von ägyptischer Gastfreundschaft, der lange nachwirkt.

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