
Archäologen haben in der Bahariya-Oase drei Gräber entdeckt. In einer vermutlich für eine Familie angelegten Gruft lagen fünf Sarkophage mit in Leinen gewickelten Mumien.
Die Bahariya-Oase ist für ihre Palmenhaine, heißen Quellen und die dunklen Vulkanhügel der Schwarzen Wüste bekannt. Doch unter ihrer Oberfläche liegt eine Geschichte, die weit über die sichtbare Landschaft hinausreicht.
Bei Ausgrabungen am Fundplatz Sheikh Soby nahe El-Bawiti hat eine ägyptische archäologische Mission drei Gräber aus unterschiedlichen Epochen entdeckt. In einem davon lagen fünf Kalksteinsarkophage – jeder mit einer in Leinen gewickelten Mumie.
Das ägyptische Tourismus- und Antikenministerium gab die Funde am 12. August 2026 bekannt. Sie eröffnen einen neuen Blick auf die Menschen, die vor vielen Jahrhunderten in der Oase lebten und ihre Verstorbenen dort bestatteten.
Eine Familiengruft mit fünf Sarkophagen
Das erste Grab wurde aus dem weichen Sandstein des Hügels herausgearbeitet. Ein etwa drei Meter tiefer, quadratischer Schacht führt zu zwei unterirdischen Kammern.
In der kleineren Kammer fanden die Archäologen einen Kalksteinsarkophag. Darin lag noch eine Mumie, deren Körper von Leinenbinden bedeckt war. Der Sarkophag war in eine Vertiefung im Boden eingelassen – eine Bestattungsform, die auch aus anderen Gräbern der ägyptischen Spätzeit bekannt ist.
Die zweite Kammer war größer. Dort standen vier weitere Kalksteinsarkophage, ebenfalls mit in Leinen gewickelten Mumien.
Nach der bisherigen Einschätzung könnte das Grab für eine Familie mit fünf Angehörigen angelegt worden sein. Ob die Verstorbenen tatsächlich miteinander verwandt waren, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Erst anthropologische Analysen können nähere Hinweise auf Alter, Geschlecht, Krankheiten und mögliche familiäre Beziehungen liefern.
Schon jetzt ist der Fund bemerkenswert: Das Grab blieb zumindest so weit erhalten, dass seine ursprüngliche Belegung noch nachvollzogen werden kann.
Zwei weitere Gräber aus römischer Zeit
Unweit der Familiengruft stieß das Team auf zwei weitere Anlagen, die vermutlich aus der römischen Epoche stammen.
Das zweite Grab besitzt einen kleinen Schacht und drei Stufen, die zu einer Grabkammer führen. Spuren einer Bestattung wurden dort allerdings nicht gefunden. Möglicherweise wurde das Grab vorbereitet, aber nie genutzt. Denkbar ist auch, dass die Bestattung später entfernt wurde.
Das dritte Grab ist größer und folgt einem anderen Grundriss. Ein rechteckiger Schacht endet in einer kleinen, heute offenen Halle. Nach Einschätzung der Archäologen könnte hier der Leichnam während der Bestattungszeremonie aufgenommen worden sein, bevor man ihn in eine der angrenzenden Kammern brachte.
In einer Kammer lagen Bruchstücke eines Sarkophags aus gebranntem Ton. Eine zweite enthielt einen Kalksteinsarkophag, dessen Deckel nur teilweise erhalten war.
Besondere Aufmerksamkeit gilt mehreren kleinen Öffnungen an den Seiten des Schachtes. Hinter einem dieser Zugänge kam eine seitliche Bestattung zum Vorschein. Dort lag ein zylindrischer Tonsarkophag, der im Laufe der Zeit zerbrochen war. Auf seinem Deckel ist noch das plastisch ausgearbeitete Gesicht eines Menschen zu erkennen.
Kleine Funde mit großer Aussagekraft
Neben den Sarkophagen und Mumien entdeckte die Mission zahlreiche Gegenstände, die einst zu den Bestattungen gehörten.
Dazu zählen Keramikgefäße, kleine Flaschen und Schalen in unterschiedlichen Formen und Größen. Solche Gefäße konnten Speisen, Getränke, Öle oder andere Gaben enthalten, die den Verstorbenen mitgegeben wurden.
Auch Opferplatten aus Kalk- und Sandstein kamen ans Licht. Auf ihnen konnten Angehörige symbolische oder tatsächliche Gaben für die Toten niederlegen.
Hinzu kommen kleine Figuren aus Terrakotta. Einige zeigen mütterliche Gestalten, andere verbinden menschliche und tierische Merkmale. Ihre genaue Bedeutung ist noch nicht abschließend geklärt. Sie könnten eine schützende, religiöse oder symbolische Funktion gehabt haben.
Gerade solche unscheinbaren Gegenstände sind für die Forschung wertvoll. Während monumentale Tempel vor allem von Herrschern und Göttern erzählen, geben Grabbeigaben einen persönlicheren Einblick in Glauben, Alltag und soziale Stellung der Menschen.
Ein Friedhof für die Bewohner der Oase
Der Fundplatz Sheikh Soby gehört zu den wichtigsten historischen Bereichen der Bahariya-Oase. Der Hügel beherbergt eine Nekropole, in der während der ägyptischen Spätzeit unter anderem lokale Herrscher und Priester bestattet wurden.
Die Oase war damals keineswegs ein isolierter Außenposten. Sie lag an wichtigen Routen durch die Westliche Wüste und verfügte über fruchtbares Land, Wasserquellen und eigene religiöse Zentren.
In El-Bawiti entstand während der 26. Dynastie ein Tempel, den ein örtlicher Würdenträger zu Ehren von Pharao Amasis errichten ließ. Solche Bauwerke zeigen, dass die Bewohner der Oase eng mit den politischen und religiösen Entwicklungen im Niltal verbunden waren.
Gleichzeitig bewahrten sie lokale Besonderheiten. Architektur, Bestattungsformen und Grabbeigaben konnten sich von den Traditionen in Memphis, Theben oder anderen großen Zentren unterscheiden.
Warum Menschen über Jahrhunderte am selben Ort bestatteten
Die drei neu entdeckten Gräber stammen offenbar nicht alle aus derselben Zeit. Die Familiengruft wird vorläufig der Spätzeit zugeordnet, während die beiden anderen Anlagen vermutlich während der römischen Herrschaft über Ägypten entstanden.
Zwischen diesen Epochen liegen mehrere Jahrhunderte. Dennoch nutzten die Bewohner das Gelände weiterhin als Begräbnisplatz.
Das war im alten Ägypten nicht ungewöhnlich. Orte, die einmal als heilig oder besonders geeignet für Bestattungen galten, konnten über viele Generationen hinweg genutzt werden. Neue Gräber entstanden neben älteren Anlagen, vorhandene Schächte wurden erweitert und frühere Bestattungstraditionen an veränderte religiöse Vorstellungen angepasst.
So entsteht an einem einzigen Fundplatz eine Art historisches Archiv. Jede Grabanlage erzählt ihre eigene Geschichte, gemeinsam dokumentieren sie jedoch die Entwicklung einer ganzen Region.
Die Untersuchungen stehen erst am Anfang
Mit der Freilegung endet die Arbeit der Archäologen nicht. Nun müssen die Sarkophage, Mumien und Grabbeigaben sorgfältig dokumentiert, konserviert und wissenschaftlich untersucht werden.
Die Forschenden werden unter anderem prüfen, aus welcher Zeit die einzelnen Bestattungen genau stammen. Auch Materialanalysen, Untersuchungen der Leinenbinden und anthropologische Studien können neue Erkenntnisse liefern.
Besonders spannend ist die Frage, wer die fünf Menschen in der Familiengruft waren. Lebten sie zur gleichen Zeit? Starben sie in kurzen Abständen? Gehörten sie tatsächlich derselben Familie an? Und welche Stellung nahmen sie in der Gemeinschaft der Oase ein?
Bis solche Fragen beantwortet werden können, wird Zeit vergehen. Die Mission möchte ihre Grabungen in den kommenden Jahren fortsetzen und rechnet damit, in Sheikh Soby weitere Gräber zu entdecken.
Eine Oase voller Geschichte
Bahariya wurde vor allem durch das sogenannte Tal der Goldenen Mumien international bekannt. Dort kamen seit den 1990er-Jahren zahlreiche reich ausgestattete Mumien aus griechisch-römischer Zeit ans Licht.
Die neuen Funde zeigen jedoch, dass die Geschichte der Oase nicht auf diese berühmte Nekropole beschränkt ist. An verschiedenen Stellen liegen Gräber, Tempel und Siedlungsspuren aus mehreren Jahrtausenden.
Noch können die neu entdeckten Anlagen nicht besichtigt werden. Sie sind zunächst ein Ort der Forschung und müssen geschützt werden. Trotzdem verändern solche Funde unseren Blick auf die Region.
Bahariya erscheint dann nicht nur als grüne Insel inmitten der Westlichen Wüste, sondern als Lebensraum vieler Generationen. Menschen wurden hier geboren, gründeten Familien, verehrten ihre Götter und bestatteten ihre Angehörigen mit der Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod.
Fünf dieser Menschen sind nun wieder ans Licht gekommen. Ihre Namen kennen wir bislang nicht. Doch ihre gemeinsame Grabstätte erzählt schon heute ein Stück der langen Geschichte dieser außergewöhnlichen Oase.
*Quelle der aktuellen Meldung: Ägyptisches Ministerium für Tourismus und Altertümer, veröffentlicht am 12. August 2026.*
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