GESCHICHTE

Wo einst das gesamte Wissen der Welt lagerte

15. Mai 2026 · NT World Travel Redaktion

Wo einst das gesamte Wissen der Welt lagerte

700.000 Schriftrollen, ein bis heute ungeklärter Untergang, und ein Neubau, der 2000 Jahre später anknüpft. Die Geschichte von Alexandrias legendärer Bibliothek.

Es gibt kaum ein Bauwerk der Geschichte, das so viel Legendenbildung ausgelöst hat wie die Bibliothek von Alexandria, und das, obwohl von ihr heute buchstäblich kein Stein mehr steht. Über Jahrhunderte galt sie als das größte Zentrum des Wissens der antiken Welt, bis zu 700.000 Schriftrollen sollen dort einst gelagert haben. Wie genau sie unterging, weiß bis heute niemand mit Sicherheit, was die Geschichte nur noch faszinierender macht.

Ein Wissensprojekt von unvorstellbarem Ausmaß

Gegründet wurde die Bibliothek im 3. Jahrhundert v. Chr. unter Ptolemaios I., einem General Alexanders des Großen, der nach dessen Tod über Ägypten herrschte. Die Bibliothek war Teil eines größeren Gelehrtenzentrums, des sogenannten Mouseion, das Alexandria zu einem der wichtigsten intellektuellen Zentren der gesamten antiken Welt machte. Gelehrte aus dem gesamten Mittelmeerraum kamen hierher, um zu forschen, zu diskutieren und zu lehren, unterstützt von einer Sammlung, die es in dieser Größe zuvor nicht gegeben hatte.

Was die Bibliothek von Alexandria so besonders machte, war nicht nur ihre schiere Größe, sondern ihr Anspruch, möglichst das gesamte Wissen der bekannten Welt zu sammeln. Der Legende nach ließen die Herrscher sogar Schiffe, die im Hafen von Alexandria anlegten, nach Büchern durchsuchen, gefundene Schriftrollen wurden kopiert, das Original behielt die Bibliothek, die Abschrift ging zurück an den ursprünglichen Besitzer. Ob diese Geschichte in dieser Form tatsächlich so stattfand, lässt sich historisch nicht eindeutig belegen, sie zeigt aber den Ehrgeiz, mit dem hier gesammelt wurde.

Ein Untergang ohne klare Antwort

Wer erwartet, hier eine einfache Antwort auf die Frage zu finden, wann und wie die Bibliothek zerstört wurde, wird enttäuscht, und genau das macht die Geschichte so spannend. Es gab nicht das eine dramatische Ereignis, sondern einen schleichenden Niedergang über mehrere Jahrhunderte hinweg, verursacht durch eine ganze Reihe unterschiedlicher Vorfälle.

Ein erster bedeutender Rückschlag ereignete sich im Jahr 48 v. Chr., als Julius Cäsar in einen Konflikt in Alexandria verwickelt war und dabei Feuer im Hafenbereich der Stadt ausbrach, das auch Teile des Buchbestands vernichtet haben soll. Die Bibliothek selbst bestand danach aber offenbar weiter. Weitere schwere Schäden entstanden im 3. Jahrhundert n. Chr. im Zuge römischer Kämpfe in der Stadt. Im Jahr 391 n. Chr. wurde zudem das Serapeum zerstört, eine Art Tochterbibliothek, die ebenfalls einen bedeutenden Teil der Sammlung beherbergte.

Eine bekannte, aber historisch stark umstrittene Version besagt, arabische Eroberer hätten bei der Einnahme Alexandrias im Jahr 640 n. Chr. sämtliches Wissen zerstört, das nicht mit dem Koran übereinstimmte. Diese Geschichte taucht allerdings erstmals erst im 13. Jahrhundert schriftlich auf und gilt unter Historikern heute größtenteils als spätere Erzählung ohne verlässliche zeitgenössische Grundlage. Am Ende bleibt die ernüchternde, aber ehrliche Erkenntnis: Politische Wirren, schwindende Förderung und mehrere aufeinanderfolgende Zerstörungen sorgten gemeinsam für das allmähliche Verschwinden eines der größten Wissensschätze der Antike.

Was mit dem Wissen verloren ging

Wie viel genau mit der Bibliothek verschwand, lässt sich bis heute nicht beziffern, und gerade das macht den Verlust so bedeutsam für unser kulturelles Gedächtnis. Zahllose Werke der griechischen Literatur, Wissenschaft und Geschichtsschreibung kennen wir heute nur noch aus späteren Zitaten anderer antiker Autoren, das Original ist für immer verloren. Der Gedanke an die geballte Gelehrsamkeit einer ganzen Epoche, die hier über Jahrhunderte zusammengetragen und am Ende doch nicht bewahrt werden konnte, macht die Bibliothek von Alexandria bis heute zu einem der bekanntesten Sinnbilder für verlorenes Wissen überhaupt.

Eine zweite Chance, mehr als zweitausend Jahre später

Die Geschichte endet aber nicht mit dem Verlust. Im Oktober 2002 eröffnete in Alexandria, in Kooperation zwischen Ägypten und der UNESCO, die Bibliotheca Alexandrina, ein moderner Neubau, der ganz bewusst an das Erbe der antiken Bibliothek anknüpft, ohne vorzugeben, deren verlorene Sammlung zu ersetzen. Die Idee dahinter war weniger, die alten Bestände zu rekonstruieren, als vielmehr die Bedeutung Alexandrias als geistig-kulturelles Zentrum für den gesamten Mittelmeerraum wiederzubeleben.

Architektonisch ist der Bau selbst schon ein Erlebnis. Das Gebäude nimmt die Form einer riesigen, schräg im Boden eingelassenen Scheibe an, die wie eine zweite, aus dem Mittelmeer aufsteigende Sonne wirkt. Die Außenwände aus Granit sind mit Schriftzeichen aus über 120 verschiedenen Sprachen und Schriftsystemen verziert, von Hieroglyphen bis zu modernen Alphabeten, ein Symbol für den universellen Anspruch, den schon die antike Bibliothek einst verfolgte. Im Inneren bietet die Bibliothek Platz für rund 2000 Leseplätze und Regalflächen für bis zu 8 Millionen Bücher, dazu gehören ein Planetarium, mehrere Museen, darunter ein Antiken- und ein Manuskriptmuseum, sowie wechselnde Ausstellungen und ein großes Veranstaltungszentrum, das regelmäßig internationale Künstler und Redner nach Alexandria bringt.

Ein Besuch, der zwei Zeitalter verbindet

Wer nach Alexandria reist, findet von der antiken Bibliothek selbst keine Überreste mehr, ihr genauer Standort ist bis heute nicht endgültig geklärt. Doch die moderne Bibliotheca Alexandrina direkt an der Corniche der Stadt bietet einen würdigen und zugleich spannenden Ersatz, ein Ort, an dem sich das jahrtausendealte Ideal von Alexandria als Zentrum des Wissens in völlig neuer Form fortsetzt. Wer durch die lichtdurchfluteten Lesesäle geht oder die Museen besucht, spürt trotz der Jahrhunderte, die dazwischenliegen, immer noch etwas von jenem alten Ehrgeiz, möglichst viel vom Wissen der Welt an einem einzigen Ort zu versammeln.

Ihr wollt selbst einmal durch die beeindruckenden Lesesäle der Bibliotheca Alexandrina schlendern? Ein Abstecher nach Alexandria lässt sich wunderbar in eure Reise einbauen, sprecht dafür einfach euren Reiseleiter vor Ort an.

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