Nur eine kurze Fahrt von Kairo entfernt liegt mit der Fayum Oase eine der ungewöhnlichsten Regionen Ägyptens, mit uralten Walfossilien, einem der ältesten Seen der Welt und einem Dorf voller Töpferkunst.
Nur eineinhalb Autostunden südwestlich von Kairo beginnt eine Landschaft, die kaum jemand auf dem Schirm hat, wenn er an Ägypten denkt. Keine Pyramiden, keine Tempelreihen, sondern grüne Palmenhaine, ein türkisfarbener See mitten in der Wüste und, ausgerechnet dort, die Skelette von Walen, die vor über vierzig Millionen Jahren durch dieses Gebiet schwammen. Die Fayum Oase ist eine der ungewöhnlichsten Ecken des Landes, und genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.
Eine der ältesten besiedelten Regionen der Welt
Die Fayum Senke ist über einen uralten, künstlich angelegten Kanal namens Bahr Yussef mit dem Nil verbunden, wodurch hier seit Jahrtausenden Landwirtschaft möglich ist. Erste Siedlungsspuren reichen mehr als sechstausend Jahre zurück, was die Region zu einer der am längsten ununterbrochen bewohnten Gegenden der Erde macht. Ihre eigentliche Blütezeit erlebte die Oase während des Mittleren Reiches, vor rund viertausend Jahren, als Pharao Amenemhet III. den Kanal ausbauen ließ und dadurch deutlich mehr Ackerland gewann. Bis heute prägt Landwirtschaft das Bild der Region, Olivenhaine, Dattelpalmen und Gemüsefelder wechseln sich mit kleinen Dörfern ab, in denen sich das Leben kaum anders anfühlt als vor Jahrzehnten.
Der Qarunsee, ein Meer mitten in der Wüste
Im Norden der Oase liegt der Qarunsee, einer der ältesten natürlichen Seen der Welt und zugleich einer der wenigen großen Wasserflächen Ägyptens abseits des Nils. Früher deutlich größer, ist der See heute vor allem für seine Vogelwelt bekannt, gerade im Winter rasten hier tausende Zugvögel, was das Ufer zu einem beliebten Ziel für Ornithologen und Bootsausflüge macht. Wer über das ruhige, leicht salzige Wasser gleitet, während am Horizont Wüstendünen aufragen, bekommt einen der eigenartigsten Kontraste zu sehen, die Ägypten zu bieten hat.
Wadi al Hitan, das Tal der Wale
Der eigentliche Star der Region liegt jedoch etwas südlich davon, mitten in der Wüste. Im Wadi al Hitan, wörtlich das Tal der Wale, liegen die Fossilien hunderter urzeitlicher Wale, die hier vor rund vierzig Millionen Jahren lebten, als diese Gegend noch von einem flachen Meer bedeckt war. Die Skelette gehören zu einer ausgestorbenen Gattung, die noch Hinterbeinreste besaß, ein anschauliches Zeugnis dafür, wie Wale sich einst aus Landtieren entwickelten. Wegen dieser einzigartigen wissenschaftlichen Bedeutung wurde das Tal von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt, ein kleines Museum vor Ort erklärt die Zusammenhänge, bevor man zu Fuß oder mit dem Geländewagen zwischen den frei liegenden Fossilien umherwandert.
Wadi el Rayan, Wasserfälle mitten in der Sahara
Nicht weit entfernt liegt mit dem Wadi el Rayan ein weiterer Naturpark, der viele Besucher überrascht. Zwei künstlich angelegte Seen sind hier über einen Kanal verbunden, an dessen Übergang sich kleine, aber sehenswerte Wasserfälle bilden, die einzigen ihrer Art in ganz Ägypten. Rundherum erstrecken sich weiche Sanddünen, die sich hervorragend für eine kleine Wüstensafari eignen, mit dem Geländewagen über die Dünen oder, für alle, die es ruhiger mögen, zu Fuß entlang des Ufers.
Tunis, das Dorf der Töpfer
Ein ganz anderes Gesicht der Oase zeigt sich im kleinen Dorf Tunis am Ufer des Qarunsees. Was einst ein unscheinbarer Ort war, hat sich über die Jahre zu einer kleinen Künstlerkolonie entwickelt, bekannt vor allem für seine Keramikwerkstätten. Mehrere Töpferschulen haben sich hier angesiedelt, in denen Handwerker aus der Region ihr Können weitergeben, wer möchte, kann bei einem Besuch selbst eine Schale oder Vase formen oder einfach durch die kleinen Galerien schlendern, in denen die fertigen Stücke verkauft werden. Zwischen Palmen, Lehmhäusern und Töpferöfen entsteht hier eine Atmosphäre, die deutlich gemächlicher wirkt als das quirlige Kairo nur wenige Autostunden entfernt.
Karanis und die Spuren vergangener Epochen
Wer sich für Archäologie interessiert, findet in der Fayum Oase zudem Reste der antiken Stadt Karanis, die einst zur griechisch römischen Zeit florierte. Aus genau dieser Epoche stammen auch die berühmten Fayum Mumienporträts, außergewöhnlich lebensnahe Gesichtsbilder, die einst auf Mumien angebracht wurden und heute in Museen weltweit zu bewundern sind. Sie zählen zu den frühesten realistischen Porträtmalereien der Menschheitsgeschichte und geben einen seltenen, fast direkten Blick in die Gesichter von Menschen, die vor rund zweitausend Jahren in genau dieser Region lebten.
Warum sich der Abstecher lohnt
Die Fayum Oase vereint auf engstem Raum das, was viele bei Ägypten gar nicht erwarten, urzeitliche Walfossilien, einen der ältesten Seen der Welt, Wüstenlandschaften mit Wasserfällen und ein Dorf voller Töpferkunst, dazu eine Landwirtschaft, die sich seit Jahrtausenden kaum verändert hat. Für alle, die nach den großen Highlights entlang des Nils noch etwas Ruhigeres und Unerwartetes suchen, ist die Oase ein Ausflug, der lange in Erinnerung bleibt, gerade weil sie so anders ist als das übrige Ägypten.
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