Abu Simbel stand einst direkt am Nil und wäre im Nassersee versunken. Wir erzählen, wie die Tempel in den 1960er Jahren zersägt, versetzt und in einem künstlichen Berg neu aufgebaut wurden.
Wer in Abu Simbel vor den vier riesigen Statuen Ramses II. steht, sieht ein Wunder aus Stein. Was die wenigsten dabei ahnen: Der Tempel steht gar nicht mehr an der Stelle, an der er einst gebaut wurde. In den 1960er Jahren wurde er in einer der größten Rettungsaktionen der Archäologie Stück für Stück zersägt, abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Eine Geschichte, die mindestens so beeindruckend ist wie der Tempel selbst.
Warum der Tempel weichen musste
Der Anlass war ein Großprojekt: In den 1960er Jahren baute Ägypten den Assuan Staudamm, und der Nil staute sich zum riesigen Nassersee auf. Der Damm sollte Strom liefern und die Landwirtschaft sichern, doch er bedrohte zugleich zahlreiche Denkmäler in Nubien. Ohne Eingriff wären die Felsentempel von Abu Simbel in den Fluten versunken.
Ein Hilferuf an die Welt
1959 bat die ägyptische Regierung die UNESCO um Hilfe. 1960 startete eine internationale Spendenkampagne, an der sich Länder aus der ganzen Welt beteiligten. Mehr als 50 Staaten sollen Geld, Wissen oder Geräte beigesteuert haben. Die größten ausländischen Geldgeber waren die Vereinigten Staaten, daneben halfen unter anderem Frankreich, Schweden und Italien. Am Ende teilten sich Ägypten und die internationale Gemeinschaft die Kosten. Sie beliefen sich damals auf rund 40 Millionen US Dollar, nach heutigem Wert wären das mehrere hundert Millionen.
Zersägen, abtragen, neu zusammensetzen
Zwischen verschiedenen Plänen entschied man sich für eine ebenso kühne wie mühsame Lösung: Die Tempel sollten in Blöcke geschnitten, abgetragen und an höherer Stelle neu aufgebaut werden. Der Große Tempel wurde dafür in über tausend Blöcke zerlegt, der kleine Tempel in mehrere hundert. Die Blöcke wogen meist zwischen 20 und 30 Tonnen, einzelne Teile der Ramses Statuen erreichten ähnliche Gewichte. Geschnitten wurde mit Diamantsägen und Handwerkzeugen, die Schnitte waren nur wenige Millimeter breit. Vor dem Transport wurden die Blöcke verstärkt und in einem Lager zwischengelagert.
Ein künstlicher Berg als neues Zuhause
Der neue Standort liegt rund 65 Meter höher und etwa 200 Meter weiter im Landesinneren, sicher oberhalb des Wasserspiegels des Nassersees. Dort bauten die Ingenieure eine Konstruktion aus Beton und Stahl, auf der die Tempel neu entstanden. Darüber wurde ein künstlicher Berg aus Steinen und Sand aufgeschüttet, der das ursprüngliche Felsmassiv nachbildet. Wer heute vor der Fassade steht, merkt davon nichts, nur wer genau hinsieht oder den Innenraum kennt, kann ahnen, wie viel Technik sich im Berg verbirgt.
Vier Jahre Arbeit
Die Arbeiten begannen 1964 und dauerten bis 1968. Im September 1968 waren die Tempel wieder vollständig zusammengesetzt und feierlich eröffnet. Tausende Arbeiter, Techniker, Archäologen und Ingenieure aus vielen Ländern waren daran beteiligt. Abu Simbel war dabei nicht das einzige gerettete Denkmal, aber das größte und bekannteste Projekt der internationalen Nubien Kampagne der UNESCO.
Ein Sonnenwunder mit kleiner Verschiebung
Ein Detail verrät noch heute, dass die Tempel umgezogen sind: Das berühmte Sonnenwunder, bei dem die Strahlen der aufgehenden Sonne tief in das Heiligtum fallen und die Statuen im Inneren beleuchten, findet nach der Verlagerung einen Tag später statt. Heute sind es der 22. Februar und der 22. Oktober. Dass der Effekt auch nach dem Umzug so präzise funktioniert, ist ein weiteres Zeichen für die hervorragende Arbeit der Ingenieure.
Ein Vorbild für die Welt
Die Rettung von Abu Simbel gilt als Meilenstein. Sie zeigte, dass die Weltgemeinschaft gemeinsam Kulturerbe schützen kann, und gilt als eine der Wurzeln der heutigen UNESCO Welterbe Idee. Seit 1979 stehen die Tempel selbst auf der Welterbeliste.
Ihr wollt Abu Simbel mit diesem Wissen selbst erleben? Einen Ausflug zu den Tempeln richten wir bei NT World Travel gerne für euch ein, und wir wünschen euch beeindruckende Momente vor den Statuen Ramses II.
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