Ein unscheinbarer Granitblock, drei Schriften und ein 23 Jahre dauernder Wettlauf zwischen Gelehrten: Wir erzählen die Geschichte des Rosetta Steins und wie er die Hieroglyphen für immer entschlüsselbar machte.
Es gibt archäologische Funde, die durch ihre Pracht beeindrucken, goldene Masken, monumentale Tempel, kostbare Grabbeigaben. Der Rosetta Stein ist optisch das genaue Gegenteil davon, ein eher unscheinbarer, angebrochener Block aus dunklem Granit. Und trotzdem gehört er zu den bedeutendsten Funden der gesamten Archäologiegeschichte, denn ohne ihn würden wir bis heute nicht wissen, was auf unzähligen ägyptischen Tempelwänden, Särgen und Papyrusrollen eigentlich geschrieben steht.
Ein Zufallsfund mitten im Krieg
Gefunden wurde der Stein am 15. Juli 1799, mitten in Napoleons Ägyptenfeldzug. Soldaten unter Leutnant Pierre François Xavier Bouchard stießen bei Befestigungsarbeiten in der Hafenstadt Rosette im Nildelta zufällig auf den Steinblock. Napoleon hatte seinen Feldzug nicht nur aus militärischen Gründen geplant, ihn begleitete eine ganze Abteilung an Wissenschaftlern, Gelehrten und Historikern, deren Aufgabe es war, das antike Ägypten systematisch zu erforschen. Der Offizier vor Ort erkannte offenbar sofort, dass es sich um etwas Besonderes handeln musste, und meldete den Fund umgehend den anwesenden Gelehrten.
Was den Stein so besonders machte, zeigte sich schnell: Er trug ein und denselben Text gleich in drei verschiedenen Schriften, oben in Hieroglyphen, in der Mitte in demotischer Schrift, einer vereinfachten ägyptischen Alltagsschrift, und unten in Altgriechisch. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um ein Dekret zu Ehren des Pharaos Ptolemaios V. aus dem Jahr 196 v. Chr., verfasst in drei Sprachen, damit es sowohl von Priestern, Beamten als auch den griechischstämmigen Herrschern gelesen werden konnte.
Ein Wettlauf über mehr als zwei Jahrzehnte
Die Bedeutung des Fundes war den Gelehrten sofort klar, den griechischen Text konnte man ohne größere Probleme übersetzen. Das Problem lag in den Hieroglyphen selbst. Über Jahrhunderte war das Wissen um diese Schrift vollständig verloren gegangen, viele Gelehrte gingen zudem von einer falschen Grundannahme aus, sie hielten Hieroglyphen für eine reine Bilderschrift, bei der jedes Zeichen unmittelbar ein Objekt oder eine Idee darstellt. Diese Fehlannahme führte jahrzehntelang in eine Sackgasse.
Nach der militärischen Niederlage Frankreichs gegen die Briten wechselte der Stein 1801 den Besitzer, seither befindet er sich im Britischen Museum in London, wo Wissenschaftler aber immerhin Abschriften der Inschriften anfertigen und studieren konnten. Unter ihnen war auch der englische Universalgelehrte Thomas Young, dem ein wichtiger Zwischenschritt gelang: Er identifizierte im demotischen Text sogenannte Kartuschen, ovale Umrandungen, die offenbar Königsnamen enthielten, und übersetzte Teile des demotischen Abschnitts.
Champollions Durchbruch
Den entscheidenden Schritt schaffte schließlich der französische Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion. Er widmete den Hieroglyphen fast sein gesamtes Berufsleben und stützte sich dabei auch auf Erkenntnisse anderer Forscher, darunter Youngs Vorarbeit sowie sein Wissen über die koptische Sprache, die er als direkten Nachfahren des Altägyptischen erkannte. Champollion verglich systematisch die Königsnamen in den Kartuschen, etwa die Namen Ptolemaios und später Kleopatra, mit den entsprechenden griechischen Begriffen und stellte fest, dass viele Hieroglyphen Laute darstellten und keineswegs nur reine Bildsymbole waren, ein fundamentaler Durchbruch im Verständnis des gesamten Schriftsystems.
Am 14. September 1822 gelang ihm schließlich der entscheidende Geistesblitz. Der Überlieferung nach soll er seinem Bruder freudig zugerufen haben, er habe es geschafft, um kurz darauf vor Erschöpfung und Aufregung in Ohnmacht zu fallen, angeblich lag er danach fünf Tage lang bettlägerig. Wenige Tage später präsentierte er seine Ergebnisse offiziell der Pariser Akademie, ein Moment, der bis heute als Geburtsstunde der modernen Ägyptologie gilt.
Eine Tür, die sich plötzlich weit öffnete
Nach Champollions Veröffentlichung ging alles vergleichsweise schnell. Da nun das grundlegende Prinzip der Hieroglyphenschrift verstanden war, konnten Wissenschaftler in kurzer Zeit unzählige weitere Inschriften auf Tempelwänden, Obelisken und Papyrusrollen entziffern. Ein Wissen, das über 1400 Jahre lang komplett verloren gegangen war, seit der letzten bekannten hieroglyphischen Inschrift im 4. Jahrhundert n. Chr., wurde so mit einem Schlag wieder zugänglich. Ganze Bibliotheken an Inschriften, religiösen Texten, historischen Aufzeichnungen und Alltagsdokumenten öffneten sich plötzlich für die Forschung, ein Wissensschatz, ohne den unser heutiges Bild vom alten Ägypten schlicht nicht existieren würde.
Ein Stein, der bis heute Fragen aufwirft
Der Rosetta Stein selbst befindet sich bis heute im Britischen Museum, wo er zu den meistbesuchten Ausstellungsstücken überhaupt zählt. Gleichzeitig ist er seit Jahren Gegenstand einer Debatte, Ägypten fordert immer wieder die Rückgabe des Steins, mit dem Argument, ein derart zentrales Stück der eigenen Geschichte gehöre an seinen Ursprungsort zurück. Bislang ist der Stein jedoch nicht zurückgekehrt, im Geburtsort Champollions in Frankreich erinnert immerhin eine überdimensionale Nachbildung an die Bedeutung des Originals.
Wer sich für die Geschichte des alten Ägypten interessiert, kommt am Rosetta Stein kaum vorbei, ohne ihn läsen wir bis heute keine einzige Zeile der unzähligen Inschriften, die uns auf jeder Ägyptenreise begegnen, an Tempelwänden, auf Sarkophagen und in den Gräbern des Tals der Könige.
Ihr wollt selbst einmal echte Hieroglyphen an Ort und Stelle entdecken? Auf unseren Ägyptenreisen erklären euch unsere NT Travel World Guides gerne, wie sich einzelne Zeichen und Kartuschen lesen lassen, direkt vor den Originalinschriften.
Sie planen Ihre Ägyptenreise?Wir beraten Sie persönlich und finden die passende Kombination.
Zu unseren Reisen