Neben dem berühmten großen Tempel von Abu Simbel steht ein kleinerer, den Ramses II. seiner Königin Nofretari widmete. Eine Geschichte über Zuneigung, Göttinnen und eine außergewöhnliche Rettungsaktion.
Wer nach Abu Simbel reist, hat meist ein Bild im Kopf: vier riesige, sitzende Statuen von Ramses II., gemeißelt in eine Felswand. Der berühmte große Tempel zieht alle Blicke auf sich. Nur ein paar Schritte weiter nördlich steht ein zweiter, kleinerer Tempel, an dem viele Besucher zu schnell vorbeigehen. Dabei erzählt er eine der persönlichsten Geschichten, die das alte Ägypten zu bieten hat.
Eine Königin, für die es einen eigenen Tempel gab
Nofretari, auch Nefertari geschrieben, war die Große königliche Gemahlin von Ramses II. und spielte am Hof eine herausragende Rolle. Dass ein Pharao einer Königin einen eigenen Tempel widmete, war außergewöhnlich. Der kleine Tempel von Abu Simbel liegt rund 150 Meter nordöstlich des großen und entstand vermutlich zwischen 1260 und 1250 vor Christus, zusammen mit dem großen Tempel. Geweiht ist er der Göttin Hathor, der Göttin der Liebe, und Nofretari selbst. Sein ägyptischer Name erzählt schon viel: Nofretari, um derentwillen Re erstrahlt. Die Sonne selbst scheint also für sie.
Sechs Statuen, alle gleich groß
Die Fassade des Tempels ist direkt in den Fels gemeißelt. Sechs Statuen von über zehn Metern Höhe stehen dort in einer Reihe, vier davon zeigen Ramses II., zwei seine Gemahlin Nofretari. Und genau hier liegt die Besonderheit: Königinnen wurden in der Kunst des alten Ägypten sonst meist deutlich kleiner dargestellt als der Pharao, auch im großen Tempel nebenan. Am kleinen Tempel steht Nofretari dagegen auf Augenhöhe mit ihrem Mann. Sie trägt die Sonnenscheibe mit zwei großen Federn zwischen den Hörnern der Hathor und hält ein Sistrum, ein kultisches Rasselinstrument. Zu ihren Füßen stehen, deutlich kleiner, die Kinder des Paares, darunter mehrere Prinzen und Prinzessinnen.
Im Inneren: Hathor, Krönung und Schutz
Der Tempel reicht etwa 21 Meter tief in den Fels. In der Halle tragen Pfeiler die Köpfe der Hathor, an den Wänden zeigen Reliefs Opfer- und Krönungsszenen sowie Bilder, in denen die Königin von Göttinnen der Liebe und Fruchtbarkeit beschützt wird. Im Heiligtum am Ende des Raumes steht Hathor als heilige Kuh in einer Nische. Nofretari wird hier selbst als eine Erscheinungsform der Göttin dargestellt, ein Ausdruck höchster Wertschätzung.
Gerettet vor dem Wasser
Wie der große Tempel wäre auch der kleine Tempel beinahe im Wasser verschwunden. Als in den 1960er Jahren der Assuan Staudamm den Nassersee aufstaute, wurde er zwischen November 1963 und September 1968 Stück für Stück abgetragen und an einer höher gelegenen Stelle wieder aufgebaut. Heute sieht man ihm diese gewaltige Rettungsaktion nicht mehr an, und doch ist es ein kleines Wunder, dass er überhaupt noch steht.
Warum ihr euch Zeit nehmen solltet
Bei einem Besuch in Abu Simbel steht der große Tempel zu Recht im Mittelpunkt. Wer sich jedoch auch ein paar Minuten für den kleinen Tempel nimmt, bekommt eine andere Seite des Pharaonenreichs zu sehen: nicht Macht und Krieg, sondern eine Geste der Zuneigung, in Stein gemeißelt vor mehr als dreitausend Jahren.
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