KAIRO & KULTUR

Der Kajal blieb erhalten: Persönliche Schätze aus dem alten Heliopolis

01. Juni 2026 · NT World Travel Redaktion

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In Matariya, dem Gebiet des antiken Heliopolis, haben Archäologen eine nahezu vollständige Grabausstattung mit Spiegel, Schminkgefäßen, Amuletten und vermutlich goldenem Schmuck entdeckt.

Ein Kupferspiegel, mehrere Schminkgefäße, Skarabäen, Amulette und zehn vermutlich goldene Ohrringe: Was Archäologen im Kairoer Stadtteil Matariya entdeckt haben, wirkt beinahe wie der Inhalt einer persönlichen Schmuckschatulle.

Die Gegenstände lagen jedoch nicht in einem Haus, sondern gehörten zu einer Grabausstattung. Sie wurden einem verstorbenen Menschen für das Leben nach dem Tod mitgegeben und blieben über viele Jahrhunderte im Boden erhalten.

Besonders erstaunlich: In zwei kleinen Alabastergefäßen fanden sich noch Reste von schwarzem Kajal.

Das ägyptische Tourismus- und Antikenministerium gab den Fund am 31. Mai 2026 bekannt. Nach Angaben der Behörde handelt es sich um die erste nahezu vollständig erhaltene Grabausstattung, die an dieser Stelle entdeckt wurde.

Eine Entdeckung unter dem heutigen Kairo

Der Fundort liegt im Bereich des Grabes von Panhesy in Matariya, einem dicht besiedelten Stadtteil im Nordosten Kairos. In der Antike gehörte dieses Gebiet zu Heliopolis, einer der ältesten und bedeutendsten Städte Ägyptens.

Von den einstigen Tempeln und monumentalen Gebäuden ist heute an der Oberfläche nur wenig zu sehen. Das moderne Kairo hat sich längst über weite Teile der antiken Stadt ausgebreitet.

Unter Straßen, Häusern und freien Grundstücken liegen jedoch weiterhin Fundamente, Gräber und Gegenstände aus verschiedenen Epochen. Jede Ausgrabung findet deshalb in unmittelbarer Nachbarschaft zum heutigen Stadtleben statt.

Bei den aktuellen Arbeiten entdeckte die ägyptische Mission zunächst eine Bestattung aus Lehmziegeln, in der menschliche Knochen lagen. Bei der vorsichtigen Untersuchung des darunterliegenden Bereichs stießen die Archäologen auf ein verborgenes Depot mit persönlichen und religiösen Grabbeigaben.

Spiegel, Schminke und Schmuck

Zu den auffälligsten Gegenständen gehört ein Spiegel aus Kupfer. Spiegel waren im alten Ägypten nicht nur praktische Alltagsobjekte. Ihre glänzende Oberfläche wurde auch mit Sonne, Schönheit und Erneuerung verbunden.

Daneben lagen drei Schminkgefäße. Zwei wurden aus hellem Alabaster gefertigt und besaßen noch ihre Deckel. Im Inneren fanden sich Reste von Kajal. Ein drittes Gefäß besteht aus schwarzem Obsidian, einem vulkanischen Glas, das in diesem Zusammenhang ungewöhnlich und kostbar war.

Kajal gehörte im alten Ägypten zum Alltag von Frauen und Männern. Die dunkle Augenschminke betonte die Augen, hatte aber vermutlich auch eine schützende Funktion gegen das grelle Sonnenlicht, Staub und bestimmte Entzündungen.

Dass selbst nach Jahrhunderten noch Rückstände davon erhalten sind, macht den Fund besonders anschaulich. Der Gegenstand ist nicht nur ein schönes Museumsstück. Er bewahrt eine direkte Spur seiner ursprünglichen Nutzung.

Zehn vermutlich goldene Ohrringe

Die Mission entdeckte außerdem fünf Paare gelblich glänzender Metallohrringe. Sie besitzen unterschiedliche Größen und messen etwa eineinhalb bis zweieinhalb Zentimeter im Durchmesser.

Nach der ersten Einschätzung könnten sie aus Gold bestehen. Eine endgültige Aussage ist allerdings erst nach einer Materialanalyse möglich.

Die fünf Paare werfen interessante Fragen auf. Wurden sie von einer einzelnen Person getragen und im Laufe ihres Lebens gesammelt? Gehörten sie zu einer Familie? Oder waren sie eigens als Grabbeigaben angefertigt worden?

Noch lässt sich darauf keine sichere Antwort geben. Gerade solche offenen Fragen gehören zur archäologischen Arbeit. Ein Fund verrät viel, aber selten alles auf einmal.

Skarabäen und schützende Amulette

In zwei hellblauen Fayencegefäßen befanden sich sechs Skarabäen mit eingeritzten Zeichen. Zwei davon waren von einem gelben Metall eingefasst, bei dem es sich ebenfalls um Gold handeln könnte.

Der Skarabäus zählt zu den bekanntesten Symbolen des Alten Ägypten. Sein Vorbild war der Pillendreherkäfer, der eine Kugel aus Dung vor sich herrollt. Die Ägypter verbanden dieses Verhalten mit dem täglichen Lauf der Sonne und der Vorstellung von Wiedergeburt.

Skarabäen wurden als Siegel, Schmuckstücke und Schutzamulette verwendet. In Gräbern sollten sie dem Verstorbenen helfen und seine Erneuerung im Jenseits unterstützen.

Weitere Amulette zeigen eine Ente und die Atef-Krone. Diese hohe, von Federn flankierte Krone ist vor allem mit dem Gott Osiris verbunden, der als Herrscher der Unterwelt und Sinnbild der Wiederauferstehung verehrt wurde.

Zum Fund gehören außerdem mehrere Schmucksteine. Zwei könnten aus Achat bestehen. Einer ist rötlich-rosa, ein anderer grünlich-blau. Auch sie waren mit einem gelben Metall eingefasst.

Wem gehörten diese Gegenstände?

Der Name des ursprünglichen Besitzers oder der Besitzerin ist bislang nicht bekannt. Die persönliche Auswahl der Gegenstände lässt jedoch vermuten, dass hier nicht einfach zufällige Beigaben zusammengetragen wurden.

Spiegel, Schminkgefäße und Ohrringe begleiteten einen Menschen möglicherweise schon im täglichen Leben. Skarabäen und Amulette sollten dagegen Schutz gewähren und den Übergang in die jenseitige Welt erleichtern.

Gemeinsam verbinden die Objekte zwei Seiten des altägyptischen Lebens: das sehr Persönliche und das Religiöse.

Diese Nähe macht den Fund so berührend. Monumentale Statuen zeigen Pharaonen in idealisierter Form. Ein benutztes Kajalgefäß oder ein Paar Ohrringe erinnert dagegen an einen einzelnen Menschen, der sich schmückte, in einen Spiegel blickte und bestimmte Dinge als wertvoll empfand.

Ein Friedhof mit langer Geschichte

Das Gebiet um das Grab von Panhesy wurde über einen langen Zeitraum als Begräbnisplatz genutzt. Frühere Ausgrabungen brachten bereits Bestattungsanlagen aus Lehm- und Kalkstein sowie verschiedene Sarkophage ans Licht.

Einer der Särge bestand aus Ton. Ein anderer war aus Gips gefertigt, vergoldet und mit roten Verzierungen versehen. Darin lagen vergoldete menschliche Überreste, die möglicherweise zu einem Angehörigen des Militärs gehörten.

Auch eine vermutlich römische Münze und Kalksteinblöcke mit Hieroglyphen wurden gefunden.

Diese unterschiedlichen Funde zeigen, dass die Nekropole nicht nur während einer einzigen Epoche genutzt wurde. Menschen bestatteten hier ihre Toten von der ägyptischen Spätzeit über die römische Herrschaft bis hinein in die christliche Epoche.

Jede Generation hinterließ neue Spuren und nutzte dabei einen Ort, der schon lange zuvor als heilig gegolten hatte.

Heliopolis – die Stadt der Sonne

Heliopolis hieß im alten Ägypten Iunu, in der Bibel erscheint die Stadt unter dem Namen On. Sie war das wichtigste religiöse Zentrum des Sonnengottes Re und spielte eine zentrale Rolle in den altägyptischen Schöpfungsvorstellungen.

Hier stand ein weitläufiger Tempelbezirk, der über Jahrtausende von Pharaonen erweitert wurde. Priester beobachteten den Lauf der Sonne, entwickelten religiöse Texte und bewahrten bedeutendes Wissen.

Von dieser einst mächtigen Stadt steht heute nur noch ein großes Monument an seinem ursprünglichen Ort: der Obelisk von Sesostris I. Er wurde im 20. Jahrhundert vor Christus errichtet und erhebt sich noch immer in Matariya.

Andere Bauteile aus Heliopolis wurden später abgetragen und an neuen Orten wiederverwendet. Obelisken aus der Stadt gelangten unter anderem nach Rom, London und New York.

Die aktuellen Ausgrabungen führen nun vor Augen, dass Heliopolis nicht vollständig verschwunden ist. Ein großer Teil der Stadt liegt weiterhin unter dem modernen Kairo.

Was die kleinen Dinge erzählen

Archäologische Entdeckungen müssen nicht aus goldenen Masken oder monumentalen Statuen bestehen, um bedeutend zu sein. Manchmal sind es gerade die kleinen Gegenstände, die uns einem Menschen aus der Vergangenheit besonders nahebringen.

Ein Spiegel zeigt, dass sein Besitzer Wert auf das eigene Erscheinungsbild legte. Ein Gefäß mit Kajal erzählt von einer täglichen Gewohnheit. Ohrringe lassen persönlichen Geschmack erkennen. Amulette wiederum verraten etwas über Hoffnungen, Ängste und den Glauben an ein Leben nach dem Tod.

Die Objekte werden nun dokumentiert, konserviert und wissenschaftlich untersucht. Erst die weiteren Analysen werden zeigen, aus welchem Material die Schmuckstücke tatsächlich bestehen und aus welcher Zeit die gesamte Ausstattung stammt.

Bis dahin bleibt das Bild eines unbekannten Menschen, dessen persönliche Besitztümer unter den Straßen Kairos die Jahrhunderte überdauert haben.

Wer Kairo besucht, begegnet dem Alten Ägypten meist in Gizeh und in den großen Museen. Matariya erinnert daran, dass Geschichte in dieser Stadt nicht nur ausgestellt wird. Sie liegt vielerorts noch immer direkt unter den Füßen ihrer Bewohner.

*Quelle der aktuellen Meldung: Ägyptisches Ministerium für Tourismus und Altertümer, veröffentlicht am 31. Mai 2026.*

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