
Das Ägyptische Museum am Tahrirplatz bleibt auch nach der Eröffnung des Grand Egyptian Museum ein bedeutendes Ziel in Kairo.
Seit der vollständigen Eröffnung des Grand Egyptian Museum bei den Pyramiden richtet sich die internationale Aufmerksamkeit vor allem nach Gizeh. Das moderne Museum, die monumentale Architektur und die erstmals gemeinsam präsentierten Schätze Tutanchamuns haben zweifellos eine neue Ära für Kairos Museumslandschaft eingeläutet.
Dabei entsteht gelegentlich der Eindruck, das traditionsreiche Ägyptische Museum am Tahrirplatz habe seine Aufgabe erfüllt oder sei sogar geschlossen worden. Beides ist falsch. Das 1902 eröffnete Haus bleibt für Besucher zugänglich und beherbergt weiterhin eine der bedeutendsten Sammlungen altägyptischer Kunst weltweit.
Das Museum verändert sich – aber es verschwindet nicht.
Ein Gebäude, das selbst Geschichte geschrieben hat
Das rosafarbene Museumsgebäude am Tahrirplatz wurde vom französischen Architekten Marcel Dourgnon entworfen und am 15. November 1902 eröffnet. Es gehörte zu den ersten Gebäuden weltweit, die eigens für die Präsentation ägyptischer Altertümer geplant wurden.
Seine Entstehung war eine Reaktion auf die ständig wachsende Zahl archäologischer Funde. Frühere Sammlungen waren zunächst in kleineren Gebäuden in Kairo und später im ehemaligen Palast von Gizeh untergebracht. Dort reichte der Platz jedoch bald nicht mehr aus.
Mit seinen hohen Sälen, Galerien und Oberlichtfenstern wurde das neue Museum am damaligen Ismailia-Platz, dem heutigen Tahrirplatz, zu einem sichtbaren Symbol der noch jungen wissenschaftlichen Ägyptologie.
Seitdem haben Generationen von Archäologen, Reisenden und Staatsgästen seine Räume betreten. Viele berühmte Funde wurden hier erstmals öffentlich gezeigt. Auch deshalb besitzt das Gebäude eine Atmosphäre, die ein moderner Museumsneubau kaum ersetzen kann.
Was wurde in die neuen Museen gebracht?
In den vergangenen Jahren wurden bedeutende Sammlungsbereiche an andere Standorte verlegt. Die königlichen Mumien gelangten 2021 in einer feierlichen Prozession, der „Pharaohs’ Golden Parade“, in das National Museum of Egyptian Civilization in Fustat.
Die Schätze aus dem Grab Tutanchamuns wurden schrittweise in das Grand Egyptian Museum überführt. Dort kann die umfangreiche Grabausstattung des jungen Königs erstmals weitgehend zusammenhängend präsentiert werden.
Diese Verlagerungen waren notwendig. Gerade die Sammlung Tutanchamuns benötigte deutlich mehr Platz, moderne Ausstellungstechnik und geeignete konservatorische Bedingungen.
Für das Museum am Tahrirplatz bedeutet der Umzug jedoch nicht, dass seine Säle leer geworden sind. Nach Angaben des Museums umfasst sein Bestand mehr als 170.000 Objekte aus der Zeit von der Vorgeschichte bis in die griechisch-römische Epoche. Nur ein Teil davon kann gleichzeitig ausgestellt werden.
Welche Schätze sind weiterhin am Tahrirplatz zu sehen?
Zu den wichtigsten verbliebenen Sammlungen gehören die nahezu vollständig erhaltenen Grabausstattungen von Yuya und Thuya. Das Ehepaar lebte während der 18. Dynastie und gehörte zum engsten Umfeld des Königshauses. Ihre Tochter Teje wurde die Große Königliche Gemahlin Amenophis’ III. und eine der einflussreichsten Frauen ihrer Zeit.
Das Grab von Yuya und Thuya wurde 1905 im Tal der Könige entdeckt. Obwohl es bereits in der Antike betreten worden war, blieben zahlreiche kostbare Beigaben erhalten. Dazu zählen reich verzierte Särge, vergoldete Totenmasken, Möbel, Streitwagen, Gefäße und persönliche Gegenstände.
Ein weiterer Höhepunkt sind die Schätze von Tanis. Die königlichen Gräber der 21. und 22. Dynastie wurden ab 1939 im östlichen Nildelta entdeckt. Wegen des Beginns des Zweiten Weltkriegs erhielt dieser Fund international weit weniger Aufmerksamkeit als das Grab Tutanchamuns.
Dabei gehören die goldenen und silbernen Särge, Masken und Schmuckstücke aus Tanis zu den bedeutendsten erhaltenen königlichen Grabausstattungen Ägyptens.
Auch die berühmte Narmer-Palette befindet sich weiterhin im Museum. Das mehr als 5.000 Jahre alte Objekt zeigt König Narmer und wird mit der Vereinigung von Ober- und Unterägypten in Verbindung gebracht. Sie zählt zu den wichtigsten Bilddokumenten aus der Frühzeit des ägyptischen Staates.
Hinzu kommen zahlreiche Statuen großer Herrscher, darunter Darstellungen von Cheops, Chephren und Mykerinos, sowie umfangreiche Sammlungen von Särgen, Stelen, Papyri, Schmuck und Alltagsgegenständen.
Weniger Tutanchamun schafft Raum für andere Geschichten
Über Jahrzehnte war das Ägyptische Museum für viele Besucher beinahe gleichbedeutend mit Tutanchamun. Seine goldene Maske und die übrigen Grabbeigaben zogen einen Großteil der Aufmerksamkeit auf sich.
Der Umzug der Sammlung eröffnet dem Haus nun die Möglichkeit, andere Epochen und Persönlichkeiten stärker hervorzuheben. Die Schätze von Tanis, die Grabausstattung von Yuya und Thuya oder die Entwicklung der ägyptischen Kunst von der Vorgeschichte bis zur römischen Zeit können künftig deutlicher in den Mittelpunkt rücken.
Das ist nicht nur eine räumliche Veränderung, sondern auch eine inhaltliche Chance. Ägyptens Geschichte besteht schließlich nicht aus einem einzigen berühmten Grab.
Schrittweise Erneuerung des historischen Museums
Das Ägyptische Museum wird seit einigen Jahren neu geordnet und weiterentwickelt. Im Rahmen des von der Europäischen Union unterstützten Projekts „Transforming the Egyptian Museum of Cairo“ arbeiteten ägyptische Fachleute mit dem Museo Egizio in Turin, dem Louvre, dem British Museum, dem Ägyptischen Museum und der Papyrussammlung in Berlin sowie dem Rijksmuseum van Oudheden in Leiden zusammen.
Erarbeitet wurden unter anderem Konzepte für die langfristige Entwicklung des Hauses, für Restaurierung, Sammlungsverwaltung, digitale Angebote, Bildungsprogramme und eine zeitgemäßere Besucherführung.
Besonderes Augenmerk liegt auf den Ausstellungen zur Vorgeschichte, zum Alten Reich, zur griechisch-römischen Epoche und auf den Schätzen von Tanis. Gleichzeitig soll der historische Charakter des Gebäudes erhalten bleiben.
Das Ziel ist also kein vollständiger Umbau in ein modernes Erlebnismuseum. Vielmehr soll die besondere Identität des Hauses bewahrt und mit klareren Präsentationen und zeitgemäßen musealen Standards verbunden werden.
Drei Museen, drei unterschiedliche Perspektiven
Kairo besitzt heute nicht einfach mehrere Museen mit ähnlichen Ausstellungen. Jedes der drei großen Häuser erzählt die ägyptische Geschichte auf eine andere Weise.
Das Grand Egyptian Museum bei den Pyramiden beeindruckt durch seine Größe, moderne Präsentation, die vollständige Sammlung Tutanchamuns und die monumentalen Königsschiffe des Cheops.
Das National Museum of Egyptian Civilization in Fustat verfolgt einen epochenübergreifenden Ansatz. Es zeigt die Entwicklung der ägyptischen Kultur von der Vorgeschichte bis in die Neuzeit und beherbergt die königlichen Mumien.
Das Ägyptische Museum am Tahrirplatz bleibt dagegen eng mit der Geschichte der Ägyptologie und den großen Ausgrabungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verbunden. Es ist nicht nur ein Gebäude voller Altertümer, sondern selbst ein historischer Ort.
Lohnt sich ein Besuch noch?
Wer zum ersten Mal nach Kairo reist und nur begrenzt Zeit hat, wird verständlicherweise das Grand Egyptian Museum mit den Pyramiden verbinden. Bei einem längeren Aufenthalt ist das Museum am Tahrirplatz jedoch weiterhin eine lohnende Ergänzung.
Gerade Besucher, die sich intensiver für altägyptische Kunst interessieren, finden hier zahlreiche Meisterwerke, die nicht in das neue Museum umgezogen sind. Zudem vermittelt das historische Gebäude ein völlig anderes Besuchserlebnis: weniger monumental, dafür unmittelbarer und eng mit der Geschichte der frühen Ägyptologie verbunden.
Es geht daher nicht um die Entscheidung zwischen dem „alten“ und dem „neuen“ Museum. Beide Häuser ergänzen sich. Wer genügend Zeit mitbringt, sollte sie auch genau so verstehen.
Bei unseren Kairo-Programmen steht das Grand Egyptian Museum gemeinsam mit den Pyramiden im Mittelpunkt. Das Ägyptische Museum am Tahrirplatz lässt sich bei einem zusätzlichen Aufenthaltstag individuell ergänzen – besonders für Reisende, die Ägyptens Geschichte etwas ausführlicher kennenlernen möchten.
*Stand der Informationen: August 2026. Quellen: [Ägyptisches Museum Kairo](https://egyptianmuseumcairo.eg/), [ägyptisches Ministerium für Tourismus und Altertümer](https://egymonuments.gov.eg/en/museums/egyptian-museum) sowie die Projektinformationen zur [Neugestaltung des Museums](https://egyptianmuseumcairo.eg/transforming-the-egyptian-museum-of-cairo/).*
Bildnachweis: Foto: Diego Delso, delso.photo, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
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