GESCHICHTE

Der Stern des Orients: Umm Kulthums Aufstieg zur arabischen Legende

23. April 2026 · NT World Travel Redaktion

Der Stern des Orients: Umm Kulthums Aufstieg zur arabischen Legende

Jahrzehntelang legten ihre monatlichen Radiokonzerte weite Teile der arabischen Welt lahm. Wir erzählen die Geschichte von Umm Kulthum, der Stimme Ägyptens, die bis heute nachklingt.

Es gibt wenige Menschen, die es schaffen, mit ihrer bloßen Stimme ganze Länder zum Stillstand zu bringen. Umm Kulthum war so ein Mensch. Jahrzehntelang legten sich am ersten Donnerstag im Monat weite Teile der arabischen Welt praktisch lahm, sobald ihre Live-Konzerte im Radio übertragen wurden. Bis heute, fünfzig Jahre nach ihrem Tod, gilt sie vielen als die größte Sängerin, die die arabische Welt je hervorgebracht hat.

Vom Dorfmädchen zur bestbezahlten Künstlerin Kairos

Umm Kulthum wurde vermutlich am 4. Mai 1904 im Dorf Tammai az-Zahaira im Nildelta geboren, ihr genaues Geburtsdatum ist bis heute nicht restlos gesichert. Als Tochter eines Imams, der sein bescheidenes Gehalt durch das Singen religiöser Lieder bei Festen aufbesserte, wuchs sie in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater erkannte früh ihr außergewöhnliches Gesangstalent und unterrichtete sie gemeinsam mit ihrem Bruder im Gesang, mit etwa neun Jahren trat sie bereits öffentlich mit religiösen Liedern auf.

Der Umzug nach Kairo veränderte alles. In der pulsierenden kulturellen Metropole Ägyptens lernte sie von den größten Musikern ihrer Zeit und konnte sich Ende der 1920er Jahre bereits einen Namen machen. Schon bald zählte sie zu den bestbezahlten Künstlerinnen der Stadt, ein bemerkenswerter Aufstieg für eine junge Frau aus einfachsten Verhältnissen, die sich mit Ende zwanzig zunehmend auch aus der väterlichen Bevormundung lösen konnte.

Eine Stimme, die Gedichte zum Volk brachte

Was Umm Kulthum von anderen Sängerinnen ihrer Zeit unterschied, war ihre besondere Fähigkeit, anspruchsvolle klassische arabische Dichtung durch ihren Gesang einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Ihre von der Koranrezitation geprägte, nasale und zugleich kraftvolle Stimmgebung, verziert mit charakteristischen Schleifen, Seufzern und feinsten Vibratos, ließ selbst komplexe poetische Texte lebendig und emotional unmittelbar wirken. Musikwissenschaftler verglichen ihre stimmliche Durchschlagskraft später sogar mit der von Opernsängerinnen, im Studio musste sie oft mehrere Meter Abstand zum Mikrofon halten, um den Klang nicht zu überlasten.

Ihre Konzerte waren dabei alles andere als kurze Auftritte. Ein einzelnes Lied konnte sich, begleitet von einem großen Orchester und getragen von der Reaktion des Publikums, gut und gerne über eine Stunde erstrecken, das Publikum jubelte, weinte und ließ sich immer wieder zu Zwischenapplaus hinreißen, bevor die nächste Strophe überhaupt begann.

Die Stimme, die Grenzen überwand

Umm Kulthum verstand es meisterhaft, die technischen Möglichkeiten ihrer Zeit zu nutzen. Über Schallplatte, Radio und Film erreichte sie ein Publikum, das weit über Ägypten hinausreichte. Ab den 1930er Jahren wurden ihre monatlichen Konzerte im ägyptischen Radio übertragen, ein fester Termin, der Menschen von Kairo bis Bagdad, von Damaskus bis Casablanca gleichermaßen an die Radiogeräte fesselte. Ihre Lieder über Liebe, Sehnsucht und Widerstandskraft trafen dabei einen kollektiven Nerv, der Grenzen zwischen einzelnen arabischen Ländern für einen Moment bedeutungslos erscheinen ließ, weshalb ihr Gesang bis heute auch mit dem Traum einer arabischen Einheit in Verbindung gebracht wird.

Auch politisch blieb sie nicht neutral. Als Unterstützerin des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser übernahm sie zeitweise eine explizit politische Rolle, eines ihrer patriotischen Lieder diente zwischen 1960 und 1979 sogar als Nationalhymne Ägyptens. Nach der schmerzhaften Niederlage Ägyptens im Sechstagekrieg 1967 unternahm sie zudem eine Solidaritätstournee durch mehrere arabische Länder und trat dabei zweimal im Pariser Olympia auf, ihre einzigen Auftritte im westlichen Ausland während ihrer gesamten Karriere. Die gesamten Einnahmen dieser Tournee spendete sie für den Wiederaufbau der ägyptischen Armee.

Ehrentitel, die ihren Status verdeutlichen

Der Beiname, unter dem sie bis heute in der gesamten arabischen Welt bekannt ist, lautet Kaukab al-Sharq, Stern des Orients. In Ägypten selbst erhielt sie zudem den liebevollen Titel Ägyptens vierte Pyramide, ein Vergleich, der ihre kulturelle Bedeutung fast schon monumental erscheinen lässt. International wird ihr Rang gerne mit dem von Maria Callas oder den Beatles in der westlichen Musikwelt verglichen, ein durchaus treffender Vergleich, wenn man bedenkt, wie tief ihre Musik bis heute im kollektiven Bewusstsein der arabischen Welt verankert ist.

Ein Erbe, das bis heute nachklingt

Umm Kulthum starb am 3. Februar 1975 in Kairo, ihr Begräbnis zog Berichten zufolge Millionen trauernder Menschen auf die Straßen der Stadt. Fünfzig Jahre nach ihrem Tod erklingen ihre Lieder noch immer täglich in Cafés und Teestuben von Kairo bis Beirut, ihre Fotos zieren unzählige Wände, und ihre Musik inspiriert bis heute eine junge Generation arabischer Künstler. In Kairo erinnert zudem ein eigenes kleines Museum an ihr Leben und Wirken, direkt am Nil gelegen, ein bescheidener, aber liebevoll gestalteter Ort zu Ehren einer Frau, deren Stimme einst tatsächlich mächtiger war als jeder Muezzinruf, wie es der ägyptische Dichter Ahmed Fouad Negm einmal formulierte.

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